Entschuldigung

Hier gleich die Kurzfassung: Heute schreibe ich über das Entschuldigen. Das fällt uns grad massiv auf, seit der Wolf im Kindergarten ist. Naja, eigentlich fällt es uns ständig auf, wenn wir irgendwo sind, wo viele Kinder und Erwachsene aufeinandertreffen: „Entschuldige dich!“ Da habe ich viele Gedanken dazu, die ich jetzt einfach mal in den Raum stelle.

Gewaltfreie Kommunikation
Ich schreibe ja selten, nein eigentlich nie, was über unsere Art der Erziehung. Darüber hat Frau Frische Brise schonmal sehr treffend geschrieben: jeder wie er mag. Unser Umgang miteinander ist geprägt von dem, was ich während den vielen Jahren als Yogini gelernt habe und inspiriert von der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Auch die haben wir das erste Mal während der Yogalehrerausbildung bei Simran Kaur Wester kennengelernt. Später begegnete sie mir an den beiden ersten vorherigen Schulen der Tochter (NSH & FSD).

Ohne jetzt in die Tiefe gehen zu wollen, finde ich den Ansatz interessant, daß

  • all unsere Taten von Bedürfnissen geprägt sind
  • jeder immer mit den besten ihm/ihr im Moment zur Verfügung stehenden Mitteln kommuniziert (dh. wenn ein Kind um sich schlägt, ist das eine Art, ein Bedürfnis auszudrücken auf die Art, die im gerade zur Verfügung steht)
  • keiner für die Gefühle der anderen verantwortlich ist
  • man nichts muss (es gibt aber Konsequenzen für Dinge die man tut/nicht tut)
  • es keine Schuld gibt

Dazu ein super Buchtipp: Ich will verstehen, was du wirklich brauchst

Freiburg_Nov2011-25

Erbsünde – die Ur-Schuld
Eine Urschuld haben wir ja schon durch die Erbsünde mit auf die Welt gebracht. Wir sind schon schuldig, wenn wir geboren werden. Aber ich will jetzt gar nicht religiös werden hier. Das nur nebenbei. Unsere Gesellschaft ist sehr von Schuld geprägt.

Wir haben beschlossen: es gibt keine Schuldigen. Deshalb muss sich bei uns auch niemand entschuldigen. Es kann einem etwas leid tun, was man getan hat. Und das kann man ausdrücken. Aber bitte was macht denn das klassische Entschuldigen gut? Erklärt es irgendwas? Macht es die Sache ungeschehen? Lindert es Schmerzen? Macht es DInge heile? Nein. Alles, was wir tun ist aus einem (unbefriedigten) Bedürfnis heraus entstanden.

Was ist ent-schuldigen?
Die deutsche Sprache ist oft sehr klar und einfach. Ent-Schuldigen. Die Vorsilbe ‚ent-‚ steht für etwas wegnehmen, wegmachen. Wir kennen das von ent-werten, ent-saften, ent-lauben usw. Ent-schuldigen heisst also, die Schuld wegnehmen. Man hat also Schuld.

Diese Schuld kann man aber nicht selbst wegmachen. Man kann sich selbst nicht ent-schuldigen. Das können nur andere. Es hat sich aber eingebürgert, das selbst zu tun. Es selbst in der Hand zu haben und nicht andere dafür zu brauchen. Es wäre das Eingestehen von Versagen. Politiker haben das aufgebracht, sich lieber selbst zu ent-schuldigen als andere darum zu bitten. Das wäre nämlich der eigentliche Sinn darin: Man bittet um Ent-Schulidgung. Dieses sich-in-die-Hände anderer begeben will man nicht. Also hat es sich eingbürgert sich gleich einfach selbst zu ent-schuldigen (ein guter Hör-Artikel vom WDR dazu). Wir ent-schuldigen uns nicht.

In der Geschäftswelt heisst Schuld übrigens Verantwortung. Wer hat die Verantwortung? Wer war dafür verantwortlich? Nichts anderes als Schuld wird hier gesucht. Eine Katastrophe? Ein Dammbruch, eine Feuersbrunst, ein Dach stürtzt ein, eine Firma geht pleite. Die Schuld muss geklärt werden. Sämtliche Krimiserien und -literatur handeln von Schuld. Der Kommissar/Detektiv sucht den „Schuldigen“.  Es ist so zentral in unserem Leben.

Schuldgefühle
Und so lernt man schon von Kleinst auf im Kindergarten: „entschuldige dich“. Oder mit anderen Worten: „Nimm Schuld von dir“, „Du bist schuldig“. Und als Erwachsene ist man dann geprägt von Schuldgefühlen. Für das Leben anderer. Für sein eigenes. Für seine Einkäufe, Entscheidungen und und und. Das klingt vielleicht jetzt etwas überspitzt, aber schaut doch mal genau hin, wie oft im Alltag Euch Schuld begegnet. Wie versteckt und getarnt auch immer…

Das wollte ich nur mal loswerden. Entschuldigung! ;-)

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16 Responses to “Entschuldigung”


  1. 1 Simone 20. Dezember 2011 um 11:08

    Danke!! Das hast du wirklich schön geschrieben… :-)

  2. 2 alcimia 20. Dezember 2011 um 11:46

    und dann gibt es noch die art mensch, die „…`tschuldige, aber….“ ihrer aussage vorweg schicken?!

  3. 3 Nicole K. 20. Dezember 2011 um 11:50

    Gefällt mir sehr gut…..habe mir vor zwei Tagen das Buch Das kompetente Kind von Jasper Juul bestellt und bin schon sehhhhr gespannt, was mich erwartet. Den Rezensionen nach zu urteilen ist es kein Buch mit „Patentrezepten zur Kindererziehung“ sondern regt eher die Eltern an, einmal nach ihrem Miteinander zu schauen, dass die Kinder prägt…..Stimmt das Miteinander und der Umgang der Eltern untereinander, haben die Kinder schon eine sehr gute Grundvoraussetzung.

  4. 5 Mama im Wachstum 20. Dezember 2011 um 13:36

    Habe mir den Unterschied zwischen „Entschuldige bitte!“ und „Das tut mir leid!“ noch nie so richtig überlegt. In unserer Familie heißen die beiden Phrasen quasi das gleiche. So betrachtet steckt aber wohl ein großer Unterschied dahinter. Dankeschön für den Denkanstoß! Alles Liebe!

  5. 6 Shura 20. Dezember 2011 um 13:50

    Das ist ein interessanter Artikel von dir! Aus der Sicht habe ich es noch nie betrachtet! Danke für den Denkanstoß! Und bitte mehr davon..Ich finde es faszinierend wie unterschiedlich solch festgefahrene, eigentlich von Standarts betrachtet werden.

    Wir haben handhaben es auch mit dem Entschuldigen, nur leider bringt es nicht viel, weil sich meistens unsere großer der „Schuld“ nicht bewusst ist. Wir reden über das Geschehen/Fehler/ Missgeschick und nach einer Weile macht es von selber klick bei ihr und sie sagt, dass ihr xy leid tat und es hätte anders laufen sollen.

    Jetzt habe ich etwas für die Zeit zwischen den Jahren, um mal genau auf die Familienebene zu blicken und vielleicht neue Vorsätze zufassen! Danke :)

  6. 7 Moni 20. Dezember 2011 um 14:34

    Danke, für deinen Beitrag.
    Ich habe mich sehr angesprochen gefühlt, da ich vor einiger Zeit mit jemanden diesen Sachverhalt besprochen habe.
    Dabei hatten wir ebenso den Schwenk zur gewaltfreien Kommunikation.

    Freut mich sehr diesen Beitrag von dir zu lesen, darin finde ich mich wieder – stark berührt :)))

  7. 8 Inés 20. Dezember 2011 um 19:10

    DA saht mir gerade sehr zu denk gegeben, wir sagen auch immer zu unseren Kinder, sag bitte ’sorry‘, wenn sie sich streiten mit anderen, aber so toll finde ich es eigentlich nicht und bin nicht überzeugt davon.
    Vielen Dank :-)

  8. 9 Faserpiratin 20. Dezember 2011 um 20:05

    Ich finde „sich entschuldigen“ auch immer eine ganz schwierige Sache. Ich mache das auch nicht gern, ich empfinde das irgendwie demütigend. Gerade wenn da so ein Zwang dahinter steht.
    Wenn mir was leid tut, dann sag ich das schon. Und wenn nicht, dann nicht.

  9. 10 Karin 20. Dezember 2011 um 20:37

    Muss ich mal ne Weile grübeln ;-)

    Für mich ist ja tut mir leid, sorry bzw. entschuldige bitte im Grunde von der Wertung her das gleiche.
    Da kommt es wohl darauf an, wie man die Wörter belegt.

    Mit dem es gibt keine Schuld tue ich mich sehr schwer.
    Aber grundsätzlich schadet es nicht Dinge auch für sich zu hinterfragen, auch wenn man zu anderen Schlüssen kommt :-)
    Dir und Deinen Lieben herzliche Grüße
    Karin

  10. 11 frau siebensachen 20. Dezember 2011 um 20:47

    danke!

    ((auch meine kinder sehen keinen sinn darin, sich zu entschuldigen.
    ‚es tut mir leid‘ sage ich allerdings öfters (naja, auch nicht ständig, aber es gehört zu meinem aktiven wortschatz). ich finde es sehr wichtig, daß meine kinder mich nicht als perfekten übermenschen erleben, daher gestehe ich fehler deutlich ein.))

  11. 12 AnJu 21. Dezember 2011 um 09:43

    Schon zu Schulzeiten habe ich irgendwann bemerkt, dass viele Eltern die Entschuldigungen für ihre Kinder mit „Hiermit entschuldige ich das Fehlen…“ beginnen. Meine Eltern haben hingegen die Entschuldigungen immer mit „ich bitte Sie das Fehlen zu entschuldigen“ beendet, was mir viel plausibler erschien, eben weil man sich ja nicht selbst entschuldigen kann.
    Zuhause entschuldigen wir uns sehr wenig. Das fällt mir vor allem deshalb auf, weil unser Kleiner sehr viel danke und bitte sagt, aber sich nie entschuldigt. So, wie wir es vorleben also. Ich entschuldige mich meistens (reflexartig) nur für Dinge, die ich nicht mit Absicht gemacht habe, also auf den Fuß treten oder so. Ich bestehe nicht auf Entschuldigungen für Hauen oder Treten, mir ist es wichtiger, dass der Kleine versteht, dass das weh tut und nicht nett ist. Wieder gut wird es ja nicht durch die Entschuldigung. Interessant dass das zur gewaltfreien Kommunikation gehört.

  12. 13 cecilia 21. Dezember 2011 um 15:20

    das hast du schön geschrieben!

    bei uns ist das ähnlich, und die tochter kann mit einer derartigen „entschuldigung“ logischerweise gar nix anfangen. typische situation: im spiel tut ein anderes kind ihr (versehentlich) weh, sie weint, das andere kind sagt (auf aufforderung der eltern hin oder von alleine, weil schon gut angelernt) „entschuldigung“ … und wundert sich dann, wenn damit nicht alles wieder gut ist. dass 1. das weinen einfach ausdruck für den schmerz ist, der nicht eines wortes wegen verfliegt & 2. eben dieses wort & die art des ausdrucks weder mitgefühl noch bedauern ausdrücken … das scheinen die anderen kinder in solchen fällen nicht zu verstehen.


  1. 1 Fundstück « Wachstumsschublade Trackback zu 20. Dezember 2011 um 14:26
  2. 2 Jahresrückblick 2011 « Jademond Trackback zu 30. Dezember 2011 um 06:07
  3. 3 gelesen :: Ich will verstehen, was du wirklich brauchst « Wachstumsschublade Trackback zu 22. November 2012 um 14:46

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